Für mehr Schulautonomie

Dossenheim. (RNZ) Die aktuelle Entwicklung in der Bildungspolitik zeigt, dass in Baden-Württemberg auch weiterhin Handlungsbedarf  besteht, das Bildungssystem weiter zu optimieren.  „Wir müssen uns für eine Stärkung der Eigenverantwortlichkeit der Schulen in unserem Land einsetzen. Schulen sollen eigenständig den Bildungs- und Erziehungsauftrag mit allen am Schulleben Beteiligten vor Ort ausgestalten können“, forderte Hendrik Tzschaschel, Ortsvorsitzender der FDP Dossenheim, auf einer Diskussionsrunde mit dem Thema „Eigenverantwortliche Schule – eine Perspektive für Baden-Württemberg“, zu der die Liberalen geladen hatten.  Albrecht Wacker, Professor am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, zeigte in seinem Referat „Eigenverantwortliche Schule – Die Perspektive der Forschung“  auf, welche Konsequenzen aus einer größeren Eigenständigkeit der Schule abzuleiten wären und verortete die Diskussion im neuen Steuerungsdiskurs, der ab Mitte der 1990er Jahre neue internationale Impulse aufgriff. Nicht mehr der „Input“ wie beispielsweise Bildungspläne und gesetzliche Vorgaben sind seither entscheidend, sondern die Orientierung an den feststellbaren Ergebnissen des Bildungssystems. In dieser neuen Ausrichtung der Steuerung wurde seit 2004 auch sukzessive mehr Eigenverantwortung den baden-württembergischen Schulen eingeräumt.

 

„Wäre es nicht folgerichtig, den eingeschlagenen Weg weiter zu beschreiten und mehr Eigenverantwortung auf die Schulen zu übertragen?“, fragte Tzschaschel, der die These aufstellte: „Eine Schule soll selbst ihr Personal auswählen und über ein eigenes Budget verfügen können.“ Die neue Steuerung übertrage den Schulen mehr Gestaltungsfreiheit, wie sie ihre Bildungsziele erreichen wollen, führte Wacker aus, gleichzeitig sei aber auch mehr Kontrolle auf allen Ebenen erforderlich. Die landesweiten Assessments zur Überprüfung der Schülerleistungen oder die Fremdevaluation der Schulen sind hier als neue Instrumente zu nennen. „Wird den Schulen mehr Eigenständigkeit gewährt, zieht dies als Folge nach sich, dass vermehrt zentrale Prüfungen abgenommen werden“, so der Bildungsforscher, der sich auf Entwicklungen in Kanada, Finnland und England bezog. In den Staaten, in denen den Bildungsinstitutionen mehr inhaltliche, personelle, finanzielle und organisatorische Gestaltungsfreiheiten zugestanden werden, wird Transparenz eingefordert, damit sich die Öffentlichkeit informieren kann.

 

Wacker zeigte auf, dass Schulleiter in Deutschland gern mehr Verantwortung übertragen bekommen würden. Laut einer Studie zufolge halten 90% der Befragten eine erhöhte Zuständigkeit bei Personalfragen für wichtig, um  pädagogische Konzepte hinsichtlich der Förderung von Schülern besser ausgestalten zu können. Der Erziehungswissenschaftler stellte klar, dass momentan die Verantwortungsstrukturen fehlen würden und klare Regelungen bezüglich der Zuständigkeiten getroffen werden müssten, wenn der Prozess in eine größere Eigenständigkeit münden sollte. Gleichzeitig wies der Forscher dezidiert darauf hin, dass keine Beweise dafür vorliegen, dass eine größere Gestaltungsfreiheit der Schulen auch zu einer Verbesserung der Schülerleistungen führt. Internationale Forschungen belegen dagegen zahlreich die Schwierigkeiten, die mit einer erweiterten Gestaltungsfreiheit einhergehen, z.B. kann eine erweiterte Schulautonomie in „Quasi-Märkten“ zu sozialer Segregation zwischen den Schulen führen, wie dies z.B. in Großbritannien in vielen Studien aufgefunden wurde und über Jahre eine großes Problem des dortigen Bildungssystems darstellte.

 

Carsten Rohlfs, Professor für Schulpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, ergänzte in der Diskussion, dass die neue Schulart Gemeinschaftsschule dazu führen würde, das Bildungssystem gerechter zu gestalten. Nach Rohlfs zeichnet es die Gemeinschaftsschule aus, ein auf die Rahmenbedingungen vor Ort abgestimmtes pädagogisches Konzept erstellen zu können. „Dafür muss aber nicht das erfolgreiche Baden-Württemberger Schulwesen umgestaltet werden, sondern die Gemeinschaftsschule könnte eine hervorragende Ergänzung darstellen“, so eine Zuhörerin aus der sehr gut besuchten Veranstaltung.

 

Pressemitteilung  12. Dezember 2013

Erschienen in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 12.12.2013

und in den Dossenheimer Gemeindenachrichten vom 13.12.2013.

Prof. Dr. Albrecht Wacker

Pädagogische

Hochschule Heidelberg


Institut für Erziehungswissenschaft

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Aktuell erschienen:

Die Einführung der Gemeinschafts-schule in Baden-Württemberg

Waxmann

(Mai 2016)

Wissenschaftliche Begleitforschung Gemeinschafts-schule Baden-Württemberg (WissGem)

Forschungsprojekt

(Januar 2016)

 

Schulpädagogik und Schultheorie

Klinkhardt UTB